Vom Kreuzprodukt zur Leistung durch eine Fläche
Ein Kondensator kann Energie im Feld speichern; ein Kabel oder Lichtstrahl kann Energie durch den Raum übertragen. Der Poynting-Vektor beschreibt diesen Transport lokal: Sein Pfeil zeigt die Richtung, sein Betrag die Leistung pro senkrecht durchquerter Fläche. Gespeicherte Energie und transportierte Leistung sind verschiedene Größen. Wir beginnen mit einem Feldpaar an einem Ort, berechnen anschließend eine Leistung durch eine Fläche und betrachten erst danach die vollständige Energiebilanz.[1]
α ist der Winkel zwischen den Feldern. Der Flächennormalanteil bestimmt die durch eine Fläche transportierte Leistung.[1][3]
Das Zeichen heißt Kreuzprodukt. Es bildet aus zwei Richtungen eine dritte, die senkrecht auf beiden steht. Sein Betrag enthält den Sinus ihres Winkels. Das Zeichen in der Flächenrechnung heißt Skalarprodukt: Es wählt den Anteil, der tatsächlich durch die Fläche geht. Deshalb braucht die Feldrechnung einen Sinus, die anschließende Flächenprojektion einen Kosinus.[3]
Die Felder stehen an demselben Ort und zur selben Zeit. Das Kreuzprodukt folgt der rechten Hand: E in +x und B in +y ergeben S in +z. S besitzt die Einheit Watt pro Quadratmeter und ist eine Flussdichte, keine gespeicherte Energie pro Volumen. In einer Flächenbilanz bedeutet ein positives Skalarprodukt Energiefluss entlang der gewählten Normale; bei einer geschlossenen Hülle ist diese Normale nach außen gerichtet.[2]
Nur bei senkrechten E- und B-Feldern darf der Betrag durch das einfache Produkt der Beträge berechnet werden. Auch dann ist die Richtung zusätzlich zu prüfen. Eine große Feldstärke allein genügt nicht für einen großen Energiefluss: Parallele E- und B-Felder können einen verschwindenden S ergeben, obwohl Feldenergie vorhanden ist.[3]
Vertiefung anzeigen: Wie die Energiebilanz aus Maxwell folgt
Die Vektoridentität zusammen mit Faraday und Ampère–Maxwell verbindet Energiefluss, Feldänderung und Arbeit an Ladungen.[3]
Für ein festes Volumen sinkt gespeicherte Feldenergie durch Nettofluss nach außen und durch positive Arbeit des Feldes an Ladungen.[2]
Der Term J·E ist zunächst elektromagnetische Leistungsübertragung an Materie, nicht automatisch Wärme. In einem ohmschen Leiter wird daraus Verlustleistung; in einer aktiven Quelle kann sein Vorzeichen umkehren. Die Integralbilanz zählt die gesamten Beiträge des betrachteten Volumens. S muss daher nicht überall nach außen zeigen, und eine negative Nettoleistung nach außen beschreibt einen Energiezufluss.[3]
Die genannten Energiedichten und die E/B-Schreibweise verwenden das Vakuummodell. Im üblichen makroskopischen Materialmodell wird geschrieben. Einfache quadratische Speicherterme setzen passende lineare, nichtdispersive Materialbeziehungen voraus; bei Verlusten, Dispersion oder Nichtlinearität muss die Energiebilanz die Materialantwort berücksichtigen.[3]
Die Energiedichte des elektrischen Feldes im Vakuum beschreibt den elektrischen Speicheranteil dieser Bilanz. Der Poynting-Vektor beschreibt dagegen Transport; zusätzlich können magnetische Speicherung und Arbeit an Ladungen auftreten. Ein großer elektrischer Speicherterm beweist daher für sich allein weder eine große noch eine gerichtete Flussdichte.[3][2]
Momentanwert, Scheitelwert und Mittelwert trennen
Die Felder einer einzelnen laufenden ebenen Vakuumwelle sind gleichphasig, senkrecht und erfüllen .[1]
Der Faktor ein Halb gehört zu Sinus-Scheitelwerten. Bei Effektivwerten ist er bereits im quadratischen Mittel enthalten.[1][2]
Beide Felder wechseln gemeinsam das Vorzeichen. Ihr Kreuzprodukt zeigt deshalb für diese einzelne laufende Welle stets in dieselbe Ausbreitungsrichtung und wird an den gemeinsamen Nulldurchgängen null. Die Flussdichte hat zwei Maxima pro Feldperiode. Das Produkt der Feldmittelwerte wäre dagegen null und ist kein Ersatz für den Mittelwert des Kreuzprodukts.[3]
Bei einer gleichmäßig beleuchteten ebenen Fläche darf die mittlere Leistung aus Intensität, Fläche und dem Kosinus des Winkels zwischen S und Flächennormale berechnet werden. Der Winkel ist nicht derjenige zwischen E und B. Für einen inhomogenen Strahl oder eine gekrümmte Fläche wird der lokale Normalanteil integriert.[3]
Der Effektivwert sinusförmiger Wechselgrößen erklärt, warum die quadratische Mittelung den halben Scheitelbeitrag bereits enthält. Übertrage diese Mittelungsregel auf die angegebene einzelne laufende Sinuswelle; sie liefert keine allgemeine Erlaubnis, getrennt gemittelte Felder beliebiger Phasenlage zu multiplizieren.[1][5]
Eine schräg beleuchtete Fläche richtig gewichten
Aus Feldamplitude die ankommende Energie bestimmen
- Gegeben
- Eine ebene Vakuum-Sinuswelle besitzt . Eine vollständig im gleichmäßigen Strahl liegende ebene Fläche hat ; der Winkel zwischen Ausbreitung und positiver Flächennormale ist . Beobachtungszeit: 10 s, viele Perioden.
- Gesucht
- B-Scheitelwert, mittlere Flussdichte, durchquerende Leistung und Energie bestimmen.
Ansatz: Verknüpfe die Wellenfelder, mittlere das quadratische Sinussignal und projiziere auf die Fläche.
Mit und folgen die Feld- und Flusswerte.
Quadratische Flächeneinheit umrechnen und den Normalanteil verwenden.
Ergebnis: Etwa 1,19 mW durchqueren die Fläche; in 10 s sind es 11,9 mJ. Das ist ankommende Energie, nicht automatisch vollständig absorbierte Energie.
Kontrolle: Bei senkrechtem Einfall wäre die Leistung doppelt so groß. Die Einheitenprobe lautet Watt pro Quadratmeter mal Quadratmeter mal Sekunde gleich Joule. Würde verdoppelt, vervierfachten sich Intensität und Energie.
Energie im Feld eines Gleichstromkabels
Ideales Koaxialkabel mit einer Last
- Gegeben
- Ein langes ideales Vakuum-Koaxialkabel hat Innenleiterradius , Innenradius des Außenleiters , konstante Spannung und Innenleiterstrom in +z-Richtung. Der Innenleiter ist positiv; der Rückstrom fließt im Außenleiter. Übergänge und Leiterverluste werden vernachlässigt.
- Gesucht
- Lokale Felder und S bei sowie die durch den gesamten Ringspalt transportierte Leistung bestimmen.
Ansatz: Aus Zylindersymmetrie folgen radiales E und umlaufendes B; ihr Kreuzprodukt zeigt zur Last.
Bei liegt die lokale Flussdichte über dem über den Ringspalt gemittelten Wert; sie nimmt zum Innenleiter hin weiter zu.
Über den gesamten Ringspalt integrieren; die Flussdichte ist dort nicht konstant.
Ergebnis: 24 W fließen im Feld zwischen den idealen Leitern zur Last. Eine stationäre Gleichstromversorgung kann einen zeitlich konstanten Poynting-Vektor besitzen.
Kontrolle: Die unabhängige Schaltungsrechnung U·I liefert ebenfalls 24 W. wird hier nicht vorausgesetzt: Die Felder sind keine einzelne laufende ebene Vakuumwelle. In realen Leitern gehören Verluste und Energieeintritt in das Metall zur erweiterten Bilanz.
Warum stehende Wellen keine reine Vorwärtsleistung besitzen
Überlagerung zweier kohärenter gleich starker, gleich polarisierter ebener Vakuumwellen mit entgegengesetzter Ausbreitungsrichtung. ist der Scheitelbetrag jeder einzelnen Welle; . Lokaler Energiefluss kann oszillieren, sein Periodenmittel ist null.[4]
Bild ansehen: lokaler Fluss der stehenden Welle
Stehende Welle: gerichteter lokaler Energiefluss
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Die Felder der beiden laufenden Wellen werden zuerst vektoriell addiert; danach wird der Poynting-Vektor aus den Gesamtfeldern gebildet. Für die angegebene stehende Welle sind E und B zeitlich nicht gleichphasig. Deshalb gilt die einfache Beziehung zwischen Gesamtfeldbeträgen nicht an jedem Ort und zu jeder Zeit. Energie kann lokal gespeichert und hin- und hertransportiert werden, obwohl durch einen Querschnitt im Periodenmittel keine Nettoenergie wandert.[4]
Das ist auch für Messungen wichtig: Eine einzelne Feldmessung in einem Bereich mit Reflexionen liefert nicht automatisch die transportierte Nettoleistung. Wellenimpedanz, Gegenwelle und Phase können entscheidend sein. Das Wort Intensität bezeichnet je nach Kontext einen gerichteten Periodenmittelwert oder eine ankommende Strahlungsleistung; gib die verwendete Bedeutung und Messfläche an.[3]
Stehende Welle: Fluss jetzt, Mittelwert null
- Gegeben
- Die im Abschnitt angegebene stehende Vakuumwelle hat Einzelwellenamplitude . Betrachte den Ort zunächst bei , anschließend bei .
- Gesucht
- Bestimme die beiden momentanen Energieflüsse und das Periodenmittel.
Ansatz: Zuerst die überlagerten Gesamtfelder einsetzen, nicht die Intensitäten der einzelnen Wellen addieren.
Einsetzen: Der Ortsfaktor ist eins; der Zeitfaktor wechselt von +1 auf −1.
Ergebnis: Momentan fließt Energie erst nach +x, später nach −x; im vollständigen Periodenmittel verschwindet der Nettofluss.
Kontrolle: Kontrolle: Beim ersten Zeitpunkt gilt und ; das Kreuzprodukt bestätigt den positiven Wert. Beim zweiten kehrt nur das elektrische Feld um. Die laufenden Einzelwellen tragen im Mittel entgegengesetzt je rund 0,132721 W/m2.
Fünf Aufgaben zu Richtung, Mittelung und Bilanz
Einsetzen und Rechnen · Einstieg
An einem Ort im Vakuum betragen die momentanen Feldwerte und , mit Winkel zwischen ihnen. Bestimme den momentanen Betrag von S.
Hinweis anzeigen
Das Kreuzprodukt benötigt den Sinus des Feldwinkels.
Lernziel: Momentanes Kreuzprodukt von einer Wellenintensität unterscheiden.
Lösung und Rechenweg anzeigen
Ansatz: .
Etwa 2,39 mW/m2.
Die Werte beschreiben allgemeine lokale Felder; eine Wellenbeziehung oder eine zusätzliche Sinus-Mittelung wurde nicht vorgegeben.
Umstellen · Anwenden
Eine einzelne laufende ebene Vakuumwelle besitzt die mittlere Intensität . Bestimme den E-Effektivwert; wie lautet bei Sinusform ungefähr der Scheitelwert?
Hinweis anzeigen
Für Effektivwerte fehlt der zusätzliche Faktor ein Halb.
Lernziel: Aus mittlerer Intensität korrekt einen Effektivwert gewinnen.
Lösung und Rechenweg anzeigen
Ansatz: .
Eeff ist etwa 8,00 V/m; der Sinus-Scheitelwert ist etwa 11,3 V/m.
Das Einsetzen eines Effektivwerts in die Scheitelwertformel mit Faktor ein Halb würde die Intensität halbieren.
Interpretieren · Anwenden
E zeigt momentan in +x und B in −z. In welche Richtung zeigt S? Was passiert mit S, wenn beide Felder gleichzeitig ihr Vorzeichen wechseln?
Hinweis anzeigen
Nutze die zyklische Orientierung der x-, y- und z-Achsen.
Lernziel: Energieflussrichtung aus der Vektororientierung bestimmen.
Lösung und Rechenweg anzeigen
Ansatz: .
S zeigt in +y.
Ein gemeinsamer Vorzeichenwechsel lässt das Kreuzprodukt unverändert; beim Wechsel nur eines Feldes kehrt sich S um.
Das zeigt, weshalb Vorzeichenwechsel laufender Wellenfelder keine rückwärts laufende Leistung bedeuten.
Fehleranalyse · Anwenden
Für eine laufende Sinuswelle sind die Periodenmittel von E und B null. Eine Rechnung schließt deshalb auf null mittlere Intensität. Korrigiere den Ansatz.
Hinweis anzeigen
Zuerst das Kreuzprodukt bilden, erst dann mitteln.
Lernziel: Mittelungsfehler bei Feldprodukten erkennen.
Lösung und Rechenweg anzeigen
Ansatz: .
Der Mittelwert eines Produkts ist im Allgemeinen nicht das Produkt der Mittelwerte.
Die gleichphasigen Felder liefern einen positiven quadratischen Verlauf; sein Mittelwert enthält den Faktor ein Halb.
Die Feldmittelwerte allein enthalten diese Information nicht.
Transfer · Vertiefen
In ein festes Volumen fließen elektromagnetisch netto 5 W hinein. Gleichzeitig überträgt das Feld 3 W an Materie, die dort vollständig in Wärme umgesetzt werden. Wie ändert sich die gespeicherte Feldenergie?
Hinweis anzeigen
Mit nach außen gerichteter Normale beträgt die Flussbilanz −5 W.
Lernziel: Orientierte Flussbilanz mit Speicher- und Verlustleistung verbinden.
Lösung und Rechenweg anzeigen
Ansatz: .
Die Feldenergie wächst um 2 J pro Sekunde.
Energiezufluss wird teilweise dissipiert und teilweise gespeichert; es ist falsch, die gesamte eingehende Leistung automatisch mit Wärmeleistung gleichzusetzen.
Eine belastbare Energieflussrechnung aufbauen
Lege Vakuum oder Materialmodell fest, bestimme die Felder am gleichen Ort und zur gleichen Zeit und notiere ihre Richtungen. Prüfe dann, ob ein Momentanwert, ein vollständiges Periodenmittel oder die Energie eines begrenzten Pulses gesucht wird. ist eine Eigenschaft einer einzelnen laufenden ebenen Vakuumwelle, kein allgemeines Gesetz für jedes elektromagnetische Feld. Bei reflektierten oder überlagerten Wellen müssen zuerst die tatsächlichen Gesamtfelder bestimmt werden.[3][4]
Die Leistungsfläche muss zum Problem passen. Beim Strahl kann es die beleuchtete Fläche eines Detektors sein, beim Kabel der vollständige Feldquerschnitt und bei einer lokalen Energiebilanz eine geschlossene Hülle. Prüfe Winkel, räumliche Gleichmäßigkeit und Einheiten, bevor du ein Flächenintegral durch Multiplikation mit der Fläche ersetzt. Eine vollständige Energiebilanz kontrolliert außerdem, ob eingespeiste Leistung gespeichert, weitertransportiert oder an Materie abgegeben wird.[3]
Was du mitnehmen solltest
Bilde zuerst das Kreuzprodukt der tatsächlichen Gesamtfelder. Entscheide dann zwischen Momentanwert und Zeitmittel und projiziere für eine Leistung auf die gewählte Flächennormale. Nur im passenden Wellenmodell gelten die einfachen Amplitudenbeziehungen. Energiezufluss kann gespeichert, weitergeleitet oder an Materie abgegeben werden.[1]
Belege zu dieser Erklärung
Quanta · Bearbeitet 2. Oktober 2026
- OpenStax, University Physics Volume 2, §16.3: Energy Carried by Electromagnetic Waves
- MIT 6.013, Lecture 4: integral Poynting theorem and uniform plane waves
- MIT 6.013, Electromagnetics and Applications, §2.7: power and energy conservation
- MIT 8.02T, Chapter 13, §§13.5–13.6, 13.12.3–13.12.4 and 13.14.3: standing waves and energy transport
- OpenStax University Physics Volume 2 §15.2: Simple AC Circuits — RMS values
Redaktion: Quanta Study Redaktion
Prüfumfang
Diese Erklärung, 3 Rechenbeispiele und 5 Aufgaben liegen auf Deutsch und Englisch vor. Aufbau, Quellenzuordnung und mathematische Darstellung werden automatisiert geprüft. Rechnungen, Modellvoraussetzungen und beide Sprachfassungen erhalten eine gesonderte KI-Gegenprüfung.
Eine unabhängige, namentliche menschliche Fachprüfung ist noch nicht dokumentiert. Unsere Aufgabenzahlen sind Rechenbeispiele und keine Messdaten der zitierten Quellen.
Redaktion, Quellen und VorgehenÄnderungsverlauf
- Passende fachliche Verbindungen ergänzt; bestehende Feld- und Energiebilanzen, Herleitungen, Beispiele, Aufgaben, Figuren und Modellgrenzen erhalten.
- Eigenständigen DE/EN-Artikel mit Voraussetzungen, zwei eigenen Beispielen und fünf unterschiedlichen gelösten Aufgaben ergänzt.
- Einstieg und Lernweg überarbeitet, ein drittes Modellbeispiel und quantitative Grafik ergänzt; bestehende Aufgaben, Voraussetzungen und Formelsatz geprüft.
Diese Nachschlageseite zitieren
Quanta. Poynting-Vektor und elektromagnetischer Energiefluss. Stand 2. Oktober 2026. https://quanta-study.de/tafelwerk/poynting-vektor
Bei einer konkreten fachlichen Aussage zusätzlich die dort verknüpfte Fachquelle nennen.