Was Ω zählt
Ein Mikrozustand gibt eine vollständige zugelassene mikroskopische Realisierung des Modells an. Ein Makrozustand hält nur wenige Bedingungen fest, etwa Energie, Volumen, Teilchenzahl oder die Zahl besetzter höherer Niveaus. Viele Mikrozustände können denselben Makrozustand realisieren. Vor einer Rechnung muss diese Zuordnung feststehen; ein beliebiges Bild von Unordnung definiert Ω nicht.[3]
Warum der Logarithmus addiert
Die Produktzählung setzt unabhängige zugängliche Zustände der beiden Teilsysteme voraus.[2]
Jeder zulässige Zustand von A kann dann mit jedem von B kombiniert werden. Eine additive makroskopische Größe muss dieses Produkt in eine Summe übersetzen. Der Logarithmus erfüllt diese Anforderung; kB stellt den Anschluss an die thermodynamische Einheit J/K her. Additivität allein ohne weitere statistische und thermodynamische Voraussetzungen ist kein vollständiger Beweis sämtlicher Entropiegesetze.[2]
Gleichwahrscheinlichkeit ausdrücklich prüfen
Für wird der Grenzwert benutzt; die Wahrscheinlichkeiten müssen auf 1 summieren.[2]
Die Boltzmann-Form entsteht als gleichwahrscheinlicher Spezialfall der Gibbs-Form. In einem isolierten Gleichgewichtsmodell zählt man Zustände mit den passenden Energiebedingungen; bei Kopplung an ein Wärmebad sind verschiedene Energien gewöhnlich unterschiedlich gewichtet. Eine bloße Anzahl möglicher Zustände reicht dann nicht. Ebenso sind einzelne Makrozustände trotz gleichwahrscheinlicher Mikrozustände nicht gleichwahrscheinlich, wenn ihre Multiplizitäten verschieden sind.[2][3]
Die Shannon-Entropie verwendet dieselbe Wahrscheinlichkeitsgewichtung als Informationsmaß. Die Logarithmusbasis legt dort die Einheit fest: Basis 2 ergibt bit, der natürliche Logarithmus nat. Für die thermodynamische Gibbs-Entropie wird der natürliche Logarithmus mit der Boltzmann-Konstante multipliziert. Ein Informationswert in bit darf deshalb nicht unverändert als Entropie in Joule pro Kelvin eingesetzt werden.[2][7]
Zustände zählen und Wahrscheinlichkeiten gewichten
Acht unterscheidbare feste Plätze
- Gegeben
- Acht fest bezeichnete Plätze besitzen je zwei mögliche Zustände. Der Makrozustand legt genau vier höhere Besetzungen fest; alle dazu passenden Konfigurationen sind gleichwahrscheinlich.
- Gesucht
- Zähle Ω und berechne die Entropie dieses Makrozustands.
Ansatz: Die markierten Plätze sind unterscheidbar; alle Mikrozustände sind gleich wahrscheinlich. . Vier Plätze aus acht auswählen.
Natürlichen Logarithmus verwenden.
Ergebnis: , . Diese kleine Entropie gehört zum achtstelligen Modell, nicht zu einem Mol.
Kontrolle: Binomialzählung ist symmetrisch in k↔8−k. Werden stattdessen alle 256 binären Konfigurationen gleich gewichtet, ist die Wahrscheinlichkeit des Vierer-Makrozustands . Das ist eine andere, ausdrücklich breitere Gesamtzustandsmenge.
Zwei Zustände mit ungleichen Wahrscheinlichkeiten
- Gegeben
- Ein genau definiertes Zweizustandsmodell hat . Keine Gleichwahrscheinlichkeit.
- Gesucht
- Berechne SG und vergleiche mit maximaler Zweizustandsentropie.
Ansatz: Für ungleiche Wahrscheinlichkeiten die Gibbs-Entropie verwenden. . Gewichtete Logarithmen addieren.
Mit dem gleichwahrscheinlichen Fall vergleichen.
Ergebnis: SG≈7,763874551×10−24 J/K, kleiner als ≈9,569929617×10−24 J/K.
Kontrolle: ; Vertauschen beider Beschriftungen ändert SG nicht. ungeprüft in die Boltzmann-Formel einzusetzen würde die Entropie überschätzen.
Eine Einschränkung der Besetzungszahlen aufheben
- Gegeben
- Acht bezeichnete Zweizustandsplätze sind in zwei Vierergruppen aufgeteilt. Zunächst sind in jeder Gruppe genau zwei höhere Besetzungen zugelassen. Danach bleibt nur die gesamte Zahl vier höherer Besetzungen fest. Die betreffenden Mikrozustände sind jeweils gleichwahrscheinlich; alle höheren Niveaus haben dieselbe Energie.
- Gesucht
- Die Zustandszahlen und Entropiedifferenz der beiden eingeschränkten Gleichgewichtsmodelle vergleichen.
Ansatz: Bei separater Besetzungszahlvorgabe lassen sich die beiden Zustandslisten unabhängig kombinieren. Bei nur einer gemeinsamen Vorgabe werden alle Anordnungen der vier oberen Plätze gezählt.
Die getrennte Vorgabe erlaubt 36 Konfigurationen, die gemeinsame 70. Die größere Zustandsmenge enthält die frühere als Teilmenge.
Im größeren Modell die Wahrscheinlichkeit des früheren Teilbereichs kontrollieren.
Ergebnis: Das Aufheben der zusätzlichen Einschränkung vergrößert die Zustandsmenge. Die Entropiedifferenz der Modelle ist etwa 0,664976 kB; sie entsteht ohne eine Änderung der gesamten Besetzungsenergie.
Kontrolle: Vandermondes Identität zählt dieselben 70 Zustände als Summe über die Besetzungszahl einer Gruppe. Die Produktzählung 6·6 gilt für die ursprüngliche getrennte Vorgabe; nach ihrer Aufhebung sind die Gruppen durch die feste Gesamtsumme korreliert. Die Modellzählung sagt noch nichts über die Zeit bis zur Gleichgewichtseinstellung.
Gleiche Mikrozustandschancen ergeben ungleiche Makrozustandschancen
Kostenlos mit Quanta-Konto. Dein Download bleibt nach der Registrierung bereit.
Anwendung: Entropieänderung eines idealen Gases
Ideales Gas bei festem N und gleichen Endtemperaturen; gemeinsame Zählkonstanten heben sich in der Änderung auf.[1][4]
Der Volumenfaktor illustriert zusätzliche Positionsmöglichkeiten. Für absolute klassische Gasentropie muss der kontinuierliche Phasenraum konsistent dimensionlos gemacht werden; identische Teilchen erfordern korrekte Ununterscheidbarkeitszählung. Das ist mehr als einfach jedes Teilchen beliebig zu beschriften. Die hier verwendete Volumenrelation für dieselbe feste Probe vermeidet diese zusätzliche Absolute-Entropie-Rechnung, weil ihre unveränderten Faktoren im Verhältnis entfallen.[5][1]
Bei 0,20 mol und Volumenfaktor 1,8 ergibt . Bei freier isolierter Expansion ist das eine Zustandsänderung trotz ; sie ist keine Behauptung, dass jede Entropiezunahme tatsächliche Wärmeaufnahme benötigt.[4]
Die Entropieänderung entlang eines reversiblen Wegs verbindet diese Zustandszählung mit der thermodynamischen Rechnung. Der Weg kann ein gedachter reversibler Vergleichsweg zwischen denselben Endzuständen sein. Für eine tatsächlich irreversible Expansion ersetzt er keine Aussage über die dort ausgetauschte Wärme.[4][1]
Exponentielle Zustandszahlen ohne Überlauf
Große Systeme werden über berechnet statt ihre riesige Zustandszahl vollständig auszuschreiben.[1][2]
bedeutet nicht 1023 Teilchen. Dieser Zustandszählfall ergibt . Ein makroskopisches System besitzt typischerweise eine Zustandszahl, deren Logarithmus mit der Teilchenzahl wächst. Verdopplung Ω addiert ; Verdopplung unabhängiger identischer Teilsysteme quadriert dagegen Ω und verdoppelt S.[1][2]
Fünf Aufgaben mit Lösungen
Einsetzen und Rechnen · Einstieg
Zwei unabhängige gleichwahrscheinliche Zustandsmengen haben und . Finde ΩAB und .
Hinweis anzeigen
Produkte zählen, Logarithmen addieren.
Lernziel: Unabhängige Zustandsmengen multiplizieren.
Lösung und Rechenweg anzeigen
Ansatz: Jeder Zustand von A kann mit jedem von B kombiniert werden.
.
.
liefert denselben Wert.
Einsetzen und Rechnen · Anwenden
Eine gleichwahrscheinliche Zustandszahl steigt um Faktor 8. Berechne ΔS.
Hinweis anzeigen
Verhältnis statt einzelner Zahlen.
Lernziel: Entropieänderung aus Multiplizitätsverhältnis berechnen.
Lösung und Rechenweg anzeigen
Ansatz: .
.
Es ist dreimal , nicht achtmal die alte Entropie.
Interpretieren · Anwenden
Vier fest bezeichnete Zweizustandsplätze haben genau eine obere Besetzung. Bestimme Ω; darf jeder der fünf möglichen Besetzungszahl-Makrozustände gleich gewichtet werden?
Hinweis anzeigen
Ein höherer Platz aus vier; Multiplizitäten vergleichen.
Lernziel: Mikrozustands- und Makrozustandswahrscheinlichkeit unterscheiden.
Lösung und Rechenweg anzeigen
Ansatz: Wähle den einen höher besetzten Platz aus vier: .
.
Die fünf Makrozustände besitzen Multiplizitäten 1,4,6,4,1; bei 16 gleichwahrscheinlichen Mikrozuständen sind ihre Wahrscheinlichkeiten deshalb nicht gleich.
Kontrolle: Die fünf Multiplizitäten summieren sich zu 16.
Interpretieren · Vertiefen
Zwei bezeichnete Zweizustandsplätze A und B dürfen nur die gemeinsamen Mikrozustände 00 und 11 annehmen, gleich wahrscheinlich. Jeder Platz allein kann 0 oder 1 sein. Bestimme ΩAB und . Warum ist ΩAΩB nicht die gemeinsame Zustandszahl?
Hinweis anzeigen
Die Liste erlaubter gemeinsamer Zustände zählt, nicht jede formal mögliche Kombination.
Lernziel: Korrelationen als Grenze multiplikativer Zustandszählung erkennen.
Lösung und Rechenweg anzeigen
Ansatz: Die gemeinsame Liste enthält zwei Zustände, deshalb .
Das Produkt würde auch die verbotenen Zustände 01 und 10 zählen.
Die Plätze sind vollständig korreliert und nicht unabhängig.
Kontrolle: Mit jeweils Wahrscheinlichkeit für die beiden erlaubten Zustände liefert die Gibbs-Summe denselben Wert ln2. Die Summe beider marginalen Entropien wäre hier zu groß.
Fehleranalyse · Anwenden
Ein Modell hat zwei zugelassene Mikrozustände mit Wahrscheinlichkeiten 0,90 und 0,10. Eine Lösung setzt , weil es zwei Zustände gibt. Bestimme stattdessen mit der im Artikel genannten Gibbs-Formel und vergleiche.
Hinweis anzeigen
Die beiden Zustände sind nicht gleich wahrscheinlich.
Lernziel: Gleichwahrscheinlichkeit vor der Boltzmann-Kurzform prüfen.
Lösung und Rechenweg anzeigen
Ansatz: Die gewichtete Logarithmensumme ergibt 0,325083 statt ln2≈0,693147.
Die bloße Zustandsanzahl reicht bei ungleichen Wahrscheinlichkeiten nicht für die Kurzform.
Kontrolle: Bei 0,50 und 0,50 würde die gleiche Rechnung tatsächlich ln2 liefern. Die Entropie ist hier positiv, aber kleiner als im gleichverteilten Modell; sie hat nach Multiplikation mit kB die Einheit J/K.
Statistische Häufigkeit ist kein mechanischer Zwang
In einem kleinen Modell sind seltene Konfigurationen und Schwankungen möglich. Ein großer Multiplizitätsunterschied macht bestimmte Makrozustände sehr wahrscheinlich, beweist aber nicht die mikroskopische Unmöglichkeit jeder Rückschwankung. Für makroskopische Thermodynamik spielen Systemgröße, Beobachtungszeit und die gewählten Randbedingungen mit.[1]
Kontinuierliche Messdaten, Korrelationen oder ungleiche Wahrscheinlichkeiten verlangen eine passende Zustandsbeschreibung. Für gekoppelte Teilsysteme ist nicht automatisch wahr. ist ein präzises statistisches Modell und kein Bewertungsschema für die optische Ordnung eines Zimmers.[2][3]
Lege die erlaubten Zustände und ihre Wahrscheinlichkeiten fest, bevor du einen Logarithmus auswertest. Unabhängige Listen werden multipliziert, gemeinsame Einschränkungen zuerst ausgezählt. Für eine Entropieänderung zählt das Verhältnis zweier konsistent definierter Zustandsmengen; eine größere bloße Teilchenzahl ist keine ausreichende Begründung.
Belege zu dieser Erklärung
Quanta · Bearbeitet 2. Oktober 2026
- OpenStax UP2 §4.7: Entropy on a Microscopic Scale
- MIT Thermodynamics §7.3: A Statistical Definition of Entropy
- MIT Thermodynamics §7.2: Microscopic and Macroscopic Descriptions
- MIT Thermodynamics §5.4: Entropy Changes in an Ideal Gas
- MIT 5.62 Lecture 10: Quantum vs Classical, Equipartition and Internal Degrees of Freedom
- NIST 2022 CODATA complete listing
- Claude E. Shannon (1948): A Mathematical Theory of Communication. Bell System Technical Journal 27, 379–423
Redaktion: Quanta Study Redaktion
Prüfumfang
Diese Erklärung, 3 Rechenbeispiele und 5 Aufgaben liegen auf Deutsch und Englisch vor. Aufbau, Quellenzuordnung und mathematische Darstellung werden automatisiert geprüft. Rechnungen, Modellvoraussetzungen und beide Sprachfassungen erhalten eine gesonderte KI-Gegenprüfung.
Für einen früheren veröffentlichten Stand dieser Seite ist eine interne menschliche Fachprüfung dokumentiert. Diese Bestätigung gilt nicht automatisch für die überarbeitete Erklärung und die neuen Aufgaben.
Eine unabhängige, namentliche menschliche Fachprüfung ist noch nicht dokumentiert. Unsere Aufgabenzahlen sind Rechenbeispiele und keine Messdaten der zitierten Quellen.
Redaktion, Quellen und VorgehenÄnderungsverlauf
- Anschlüsse zur Shannon-Entropie und zur Entropieänderung entlang eines reversiblen Wegs ergänzt, mit Shannons Originalarbeit als zusätzlicher Quelle; bestehende Herleitungen, Aufgaben und eigene Abbildungen erhalten.
- Zwei Aufgaben ergänzt; die fünf Aufgaben nach Aufgabentyp, Schwierigkeit und Lernziel gegliedert.
- Lernverlauf, symbolische Übungsansätze und Modellgrenzen präzisiert; drittes eigenes Beispiel und quantitative Grafik ergänzt, passende Vertiefungen optional dargestellt.
Diese Nachschlageseite zitieren
Quanta. Boltzmann-Entropie und Mikrozustände. Stand 2. Oktober 2026. https://quanta-study.de/tafelwerk/boltzmann-entropie-mikrozustaende
Bei einer konkreten fachlichen Aussage zusätzlich die dort verknüpfte Fachquelle nennen.