Was L0 und ΔL tatsächlich messen
Beginne beim Ausgangszustand: ist die unbelastete Länge bei . Nach gleichmäßiger freier Erwärmung ist . Bei positivem bedeutet ein positives Verlängerung, Abkühlen dagegen Verkürzung. Ist nur ein Ende befestigt, wandert das freie Ende um . Können sich beide Enden bewegen, verteilt sich die Verschiebung entsprechend den Randbedingungen; die Längenänderung selbst bleibt dieselbe.
Der Koeffizient ist eine gemessene Stoffeigenschaft, keine frei wählbare Konstante. Temperatur, Zusammensetzung und Kristallrichtung können ihn verändern. Im einfachen Modell verwenden wir einen zur betrachteten Richtung und Temperaturspanne passenden Wert. Nur für isotrope Ausdehnung ist derselbe skalare Wert in jeder Richtung einsetzbar.[1]
Zuerst die relative Änderung verstehen
Eine relative Längenänderung von bedeutet einen Millimeter pro Meter ursprünglicher Länge. Für und ist in der linearen Näherung diese relative Änderung zu erwarten. Ein doppelt langer freier Stab gewinnt dann doppelt so viel Länge, obwohl der relative Anteil gleich bleibt. So kannst du die Größenordnung bereits vor dem Einsetzen prüfen.[1]
Relative Änderung zuerst, absolute Längenänderung danach.
Vertiefung: differentieller Koeffizient und Intervallmittelwert
Die Definition verwendet die momentane Länge. Freie thermische Längenänderung wird bei passenden mechanischen Randbedingungen betrachtet.[1]
Die differentielle Definition beschreibt eine sehr kleine Änderung relativ zur gerade vorhandenen Länge. Trenne und integriere vom Ausgangszustand aus. Für konstanten differentiellen Koeffizienten ergibt sich eine Exponentialfunktion. Entwickelt man diese für kleine , bleibt in erster Ordnung die bekannte lineare Beziehung. Zwei Voraussetzungen sind also getrennt zu prüfen: die kleine relative Dehnung und ein geeigneter, nahezu konstanter Koeffizient über das Intervall.
Die Exponentialform ist exakt nur für den konstanten differentiellen Modellkoeffizienten, nicht für einen beliebigen tabellierten Intervallmittelwert.
Tabellen können stattdessen einen gemessenen Intervallmittelwert angeben. Mit diesem Wert ist die endliche lineare Beziehung für genau dieses Intervall definitionsgemäß erfüllt. Er darf nicht zugleich als konstanter differentieller Koeffizient in der Exponentialgleichung behandelt werden. Welche Definition vorliegt, entscheidet darüber, was eine vermeintlich genauere Rechnung überhaupt bedeutet.
Umstellungen und relative Dehnung
Die Umstellungen setzen nicht verschwindende Nenner voraus. α hat K−1; thermische Dehnung ist dimensionslos.
Eine Änderung um 60 °C entspricht einer Änderung um 60 K. Der Celsius-Offset hebt sich beim Subtrahieren auf; die absolute Endtemperatur ersetzt nicht. Ein Koeffizient von bedeutet 17 Millionstel relative Änderung pro Kelvin. Die Multiplikation mit Länge und Temperaturänderung liefert wieder eine Länge. Verwechsle die meist kleine Zusatzlänge nicht mit der gesamten Endlänge.[2]
Die Wärmekapazität verbindet zugeführte Wärme mit einer Temperaturänderung. Die Ausdehnungsformel setzt diese Änderung bereits voraus; sie berechnet weder die nötige Heizenergie noch die Heizdauer.[3]
Beispiel: freie Stange und kontrollierter Näherungsfehler
Eine Kupferstange gleichmäßig erwärmen
- Gegeben
- bei 20 °C, Endtemperatur 80 °C; vorgegebener konstanter differentieller Modellwert , frei beweglich.
- Gesucht
- ΔL und L mit linearer Formel sowie Exponentialkontrolle.
Ansatz: Linear gilt ; für konstanten differentiellen Koeffizienten kontrolliert die Näherung. Temperaturdifferenz und relative Dehnung bilden.
Mit der Referenzlänge multiplizieren.
Das konstante differentielle Modell ohne Linearisierung prüfen.
Ergebnis: Linear ; das Exponentialmodell liefert 1,83694 mm, rund 0,000937 mm mehr.
Kontrolle: Mit liefert den eingesetzten Wert zurück. Die größere exponentielle Längenänderung ergibt dagegen einen geringfügig größeren, auf L0 bezogenen Intervallmittelwert. Der führende absolute Näherungsfehler erklärt die Differenz; reale Änderung von α kann größer sein als dieser reine Linearisierungsfehler.
Bohrungen wachsen bei freier isotroper Erwärmung
Warum wächst auch ein Loch? Denke dir den freien isotropen Körper zunächst ohne Loch: Alle Abstände skalieren beim gleichmäßigen Erwärmen gleich. Entfernst du anschließend das gedanklich eingefügte Material, bleibt ein größerer Randabstand zurück. Daher gilt für den Lochdurchmesser . Bei einer Passung ist damit erst die Hälfte der Rechnung erledigt. Wird auch die Welle erwärmt, verändert sich ihr Durchmesser ebenfalls.[1]
g ist hier das diametrale Spiel bei gleicher Temperaturänderung beider Komponenten; g < 0 bedeutet Übermaß.
Beispiel: zwei gleichzeitig erwärmte Passungsteile
Bohrung und Welle getrennt bilanzieren
- Gegeben
- Bei 20 °C: Aluminiumbohrung , Stahlwelle . Vorgegebene Modellwerte , . Beide Teile separat frei erwärmt, gleiche ΔT; noch nicht montiert.
- Gesucht
- Temperaturänderung für gerade verschwindendes Übermaß und Spiel bei .
Ansatz: Das diametrale Spiel ist ; beide Teile dehnen sich frei aus. Die anfängliche Differenz und die Änderungsrate bestimmen.
nach ΔT auflösen.
Bei 100 K beide Durchmesser berechnen.
Ergebnis: Gerade gleiche Durchmesser bei ungefähr 97,0 °C; bei 120 °C entsteht im Modell etwa 11,95 µm diametrales Spiel.
Kontrolle: Einsetzen in bestätigt beide Werte. Bliebe die Welle bei 20 °C, genügten für den reinen Durchmesserausgleich 40 K; das ist eine andere Randbedingung. Montage braucht zusätzlich geeignete Toleranzen und Spiel, nicht bloß .
Bild ansehen: Spiel der Passung
Wann wird aus Übermaß Spiel?
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Verhinderte Ausdehnung erzeugt Spannung
Vollständig axiale Einspannung, lineare Elastizität, Zugspannung positiv; Erwärmen bei erzeugt Druckspannung.[1]
Freie Verlängerung und tatsächliche Verlängerung sind zwei verschiedene Größen. Bei vollständiger axialer Behinderung muss eine elastische mechanische Stauchung die thermische Dehnung ausgleichen. Eine nachgiebige Halterung erlaubt einen Teil der Bewegung und erzeugt eine andere Spannung. Plastisches Fließen, Knicken und starke Temperaturgradienten liegen außerhalb dieses einfachen Modells. Auch bei einem Bimetall bestimmen Verbund, Steifigkeiten und Geometrie die Krümmung; zwei freie Längenänderungen allein reichen dafür nicht aus.
Mittlere Normalspannung bei axialer Kraft verknüpft die in der Halterung entstehende Kraft mit dem Querschnitt. Die unten berechnete Druckspannung ist eine Folge der verhinderten freien Ausdehnung, keine zusätzliche thermische Längenänderung.[1]
Eine Einspannung belastet den Stab
Druckkraft statt freier Verlängerung
- Gegeben
- Unbelasteter Stab: Länge 1,50 m, Querschnitt 80,0 mm2, konstante Modellwerte 200 GPa und 12,0·10−6 K−1. Gleichmäßige Erwärmung um 25,0 K. Beide Enden sind axial starr gehalten. Kleine Dehnung, lineare Elastizität und kein Knicken oder Fließen.
- Gesucht
- Freie Wunschverlängerung, tatsächliche Verlängerung, Spannung und axiale Kraft bestimmen.
Ansatz: Die Gesamtdehnung ist null. Deshalb kompensiert die mechanische Dehnung die freie thermische Dehnung; Zug ist positiv.
Zuerst die freie Dehnung und Verlängerung berechnen.
Die verhinderte Dehnung in Spannung und Kraft übersetzen.
Ergebnis: Frei würde der Stab 0,450 mm länger. Tatsächlich bleibt seine Länge unverändert; das Modell ergibt 60,0 MPa Druckspannung und 4,80 kN Druckkraft.
Kontrolle: . Außerdem ergibt . Eine nachgiebige Lagerung oder Knicken würde die vollständige axiale Behinderung aufheben; dann gilt diese Kraft nicht.
Fläche, Volumen und Grenzen der Näherung
Erste Ordnung für freie isotrope Ausdehnung in zwei beziehungsweise drei Dimensionen.[1]
Die Faktoren zwei und drei entstehen, wenn zwei beziehungsweise drei lineare Faktoren multipliziert und höhere Potenzen weggelassen werden. Für isotrope Ausdehnung ist der differentielle Volumenkoeffizient genau . Gerundete Tabellenmittelwerte können davon abweichen. Flüssigkeiten und Gase brauchen einen passenden Volumenansatz statt des Stabmodells. Bei Phasen- oder Materialumwandlung, anisotropen Eigenschaften und ungleichmäßiger Temperatur reicht eine einzelne skalare lineare Formel nicht aus.
Fünf gelöste Aufgaben
Einsetzen und Rechnen · Einstieg
, und . Bestimme ΔL.
Hinweis anzeigen
Abkühlung hat negatives ΔT.
Lernziel: Eine negative Längenänderung bei Abkühlung berechnen.
Lösung und Rechenweg anzeigen
Ansatz: Freie lineare Änderung , danach .
.
Die Endlänge ist 1,998 m; die Größe zieht sich im Modell zusammen.
Umstellen · Anwenden
Eine freie 0,800-m-Probe wächst bei 40 K um 0,384 mm. Bestimme den mittleren α.
Hinweis anzeigen
Längen in dieselbe Einheit bringen.
Lernziel: Einen mittleren Ausdehnungskoeffizienten aus Messwerten bestimmen.
Lösung und Rechenweg anzeigen
Ansatz: Der gemessene Referenzlängen-Mittelwert ist .
Rückeinsetzen liefert 0,384 mm; dies ist der Intervallmittelwert.
Transfer · Vertiefen
Ein vollständig axial fixierter elastischer Stab hat Modellwerte , , . Welche Spannung folgt?
Hinweis anzeigen
Mechanische Dehnung kompensiert die freie thermische Dehnung.
Lernziel: Bei vollständiger axialer Behinderung thermische Dehnung in elastische Spannung übersetzen.
Lösung und Rechenweg anzeigen
Ansatz: Vollständige axiale Behinderung verlangt , also .
Thermische Dehnung 0,00036, mechanische −0,00036.
, Druckspannung.
Die Aussage setzt elastisches Verhalten ohne Knicken voraus.
Interpretieren · Anwenden
Eine homogene isotrope Metallplatte hat ein rundes Loch mit Durchmesser 30,0 mm. Sie wird frei und gleichmäßig um 80 K erwärmt; sei konstant und die lineare Näherung gültig. Wird das Loch größer oder kleiner? Bestimme den Durchmesserzuwachs und erläutere, warum das Ausdehnen des umliegenden Materials das Loch nicht schließt.
Hinweis anzeigen
Bei freier gleichmäßiger Ausdehnung skalieren alle Abstände der Platte gleich. Denke dir das Loch zunächst mit demselben Material gefüllt.
Lernziel: Die freie Ausdehnung eines Lochdurchmessers geometrisch erklären.
Lösung und Rechenweg anzeigen
Ansatz: Den Lochdurchmesser als Abstand zweier Materialpunkte auf dem Rand behandeln.
Er skaliert mit demselben positiven Dehnungsfaktor wie die Platte.
Das Loch wächst um 0,036 mm auf 30,036 mm.
Kontrolle: Ein gedachter Einsatz aus demselben Material würde ebenfalls größer und anschließend entfernt; sein Rand passt zum größer gewordenen Loch. Einspannungen oder ungleichmäßige Temperatur könnten dieses freie Modell verändern.
Fehleranalyse · Einstieg
Ein frei ausdehnbarer Stab mit und erwärmt sich von 20 °C auf 50 °C. Eine Lösung addiert zu noch 273,15 und setzt 303,15 K in ein. Korrigiere die Temperaturdifferenz und den Längenzuwachs. Warum ist der Celsius-Offset hier falsch?
Hinweis anzeigen
Der Offset wird zu jeder absoluten Temperatur addiert. Beim Subtrahieren zweier Temperaturen hebt er sich auf.
Lernziel: Temperaturdifferenzen in Celsius und Kelvin ohne absoluten Offset verwenden.
Lösung und Rechenweg anzeigen
Ansatz: Entweder beide Temperaturen in Kelvin umrechnen und subtrahieren oder direkt die Celsiusdifferenz als gleich große Kelvindifferenz verwenden.
Richtig ist und .
Kontrolle: Ohne Temperaturänderung müsste die Ausdehnung null sein; eine zusätzliche 273,15 in jeder Differenz würde selbst dann eine unphysikalische Ausdehnung erzeugen.
Kurz zusammengefasst
Lege Referenzlänge, Temperaturänderung und passenden Koeffizienten fest. Berechne zunächst die freie Dehnung, dann prüfe die Lagerung. Löcher wachsen bei freier isotroper Erwärmung mit; bei einer Passung zählt zusätzlich die Ausdehnung der Welle. Kelvin und Celsius liefern dieselbe Temperaturdifferenz. Die genauere Koeffizientendefinition und Grenzen des Materialmodells entscheiden, ob die lineare Rechnung ausreichend ist.
Belege zu dieser Erklärung
Quanta · Bearbeitet 2. Oktober 2026
- OpenStax University Physics 2 §1.3: Thermal Expansion
- NIST: SI Units — Temperature
- OpenStax University Physics Volume 2 §1.4 Heat Transfer, Specific Heat, and Calorimetry
Redaktion: Quanta Study Redaktion
Prüfumfang
Diese Erklärung, 3 Rechenbeispiele und 5 Aufgaben liegen auf Deutsch und Englisch vor. Aufbau, Quellenzuordnung und mathematische Darstellung werden automatisiert geprüft. Rechnungen, Modellvoraussetzungen und beide Sprachfassungen erhalten eine gesonderte KI-Gegenprüfung.
Für einen früheren veröffentlichten Stand dieser Seite ist eine interne menschliche Fachprüfung dokumentiert. Diese Bestätigung gilt nicht automatisch für die überarbeitete Erklärung und die neuen Aufgaben.
Eine unabhängige, namentliche menschliche Fachprüfung ist noch nicht dokumentiert. Unsere Aufgabenzahlen sind Rechenbeispiele und keine Messdaten der zitierten Quellen.
Redaktion, Quellen und VorgehenÄnderungsverlauf
- Heizenergie und axiale Normalspannung im passenden Kontext verknüpft; Intervallkoeffizient, Passung, Zwangsspannung, Aufgaben und Grafik erhalten.
- Zwei Aufgaben ergänzt; die fünf Aufgaben nach Aufgabentyp, Schwierigkeit und Lernziel gegliedert.
- Einstieg und Erklärungen überarbeitet; drittes vollständiges Beispiel, eigene quantitative Grafik und kurze Zusammenfassung ergänzt. Bestehende Aufgaben, Modelle und Quellen erhalten; Formelsatz und Modellbedingungen präzisiert.
Diese Nachschlageseite zitieren
Quanta. Lineare Wärmeausdehnung. Stand 2. Oktober 2026. https://quanta-study.de/tafelwerk/lineare-waermeausdehnung
Bei einer konkreten fachlichen Aussage zusätzlich die dort verknüpfte Fachquelle nennen.